Wissenswertes zur Arbeit mit Rindern

Ochsenwesen

Die Stärke des Rindes liegt in seiner Verdauungsleistung. Ca. 60% seines Lebendgewichtes sind daran beteiligt. Und so ist auch sein Wesen: Es ist kein Jäger, es ist kein Renner, kein Paniktier, seine Energie richtet sich nach innen. Es bewegt sich um des Futters willen und dann braucht es Ruhe, um wiederzukäuen, zu verdauen. Die Lebensweise ist nach innen gerichtet. In den Mägen der Kuh wird die aufgenommene Nahrung durch Mikroben belebt, nicht abgetötet und zerlegt wie bei Tieren mit einhöhligem Magen. Das Maul des Rindes ist, anders als beim Pferd, stets feucht, Speichel läuft nach außen, Innenwelt und Außenwelt vermischen sich, es gibt keine klare Trennung – übrigens haben nur Wiederkäuer Hörner, was nahe legt, dass die Hörner etwas mit der Verdauung zu haben.

Äußere Reize werden vom Rind über Nase, Augen und Ohren und Haut aufgenommen, aber verhältnismäßig wenig intensiv – daher auch das eher geringe Schmerzempfinden. Im Prinzip ließe sich ein Rind auch von einem Pferdeflüsterer ausbilden, nur bräuchte der etwas mehr Geduld und die Bereitschaft zu längeren Pausen.

Der Ochse arbeitet für uns, wenn es ihm zur Gewohnheit geworden ist. Lob und Tadel haben nicht die gleiche Bedeutung wie beim Pferd, das sich zu Schanden treiben lässt. Das kann mit einem Ochsen nicht passieren. Wird er überfordert, verdreht er die Augen und lässt sich fallen. Unser menschliches Bedürfnis steht nicht im Mittelpunkt der Wahrnehmung des Rindes. Seien wir bescheiden und danken dem Rind für seine Leistung an Milch, Fleisch und Arbeit, alles in Maßen, wenn uns auch das Wohl des Tieres am Herzen liegt.

Motivation

Ein Traum muss schon dahinterstehen, um so etwas wie Ochsenanspannung anzufangen. Und ein Traum ist es auch fast zehn Jahre lang geblieben. Immer wieder haben wir Ochsen aufgezogen und wenn sie dann 500kg hatten und immer noch nicht eingelernt waren, gingen sie halt doch wieder in die Metzgerei, meist um ein Finanzloch zu stopfen – das können Ochsen in jedem Zustand hervorragend.

Dann schien die Zeit reif zu sein: Meine Tochter Annemarie bekam zu ihrem 9. Geburtstag ein Kälbchen geschenkt, ein Azubi war täglich nach Feierabend zwei Stunden mit einem Stierkalb unterwegs, meine Frau Anke freundete sich mit Anton an und ich versuchte mich an einem Tier namens Orpheus. Verabredet war, am 1. Mai 1996 einen Wettstreit um den besterzogenen Ochsen zu veranstalten. Daraus wurde ein erster Zugochsentag mit 300 Besuchern – vorwiegend alten Männern, die schon mit Ochsen gearbeitet hatten, alles besser wussten, sich untereinander über die beste Art der Anspannung aber auch nicht einig waren… Das Fest lief so ab, dass wir mit einer alten Baumsäge einen Baum fällten, der dann gevierteilt wurde, sodass je ein Ochse ein Viertel zum Hof ziehen konnte. Mein Ochse Orpheus reagierte gut auf die Kommandos – lokal üblich sind hiescht, hot, öha, gemma und brr. Eine Last aber verweigerte er. Bei entsprechendem Antrieb fiel er in Galopp, um nach 20 Metern wieder stehenzubleiben. Ein paar Monate gab ich mir mit ihm noch Mühe, bevor er in die Direktvermarktung Eingang fand. Anton von Anke war schnell und stark – dieses Paar erntete entsprechenden Applaus. Annemaries Felix zottelte gutwillig hinter seiner Freundin her. Der Ochse des Azubi war zu diesem Zeitpunkt nahezu perfekt, er konnte auf Kommando rückwärts einparken usw. Sein Herrchen nahm allerdings aus ethischen Gründen letztendlich am Wettstreit nicht teil. Dafür gab es noch einen Teilnehmer aus der Nachbarschaft, dessen Ochse jedoch nicht am langen Zügel lief, sondern am Halfter geführt wurde und neben dem nach alter Art ein kleiner Junge herlief, der mit einem Birkenzweig die Fliegen und Bremsen vertrieb.

Arbeiten

Anton und Felix wurden unser erstes Gespann. Für Anfänger ist es schwierig abzuschätzen, was so ein Gespann leisten kann. Dreiviertel Hektar Rüben zu hacken, zweispännig mit einem zweireihigen Hackgerät, das macht Menschen und Tiere müde. Häufig legten die Ochsen sich einfach hin und waren erst nach zehn Minuten wieder zum Aufstehen zu bewegen. Als wir mehr Routine hatten, war es erfolgreicher, einspännig und einreihig zu fahren und den Ochsen nach zwei bis drei Sunden auszutauschen.

Zweispännig blieb die Drillmaschine. Zwei bis drei Hektar Getreideland und ca. eineinhalb Hektar Kleegras liegen jährlich an. Das Abeggen von Grünland, Striegeln oder Hacken des Getreides (40 cm Reihenabstand in Dinkel und Roggen), Holz schleifen, Gemüse, Kartoffeln ca. 20 are werden ganz „dieselfrei“ angebaut. Das kleine Programm, wenn sonst keine Arbeit war oder aus Zeitgründen mit dem Schlepper gearbeitet wurde, war eine Wagenfahrt: Mülleimer zur Straße, Bank, Bier kaufen, Glascontainer, Weg ca. 5 km, unterwegs ca. 1 Stunde.

Wie der kleine Film am Ende meiner Vorstellung zeigt, beginnt die Ausbildung eines Zugrindes am besten mit Kinderarbeit. Kinder und Kälber verstehen sich gut, unsere Kälberhütten stehen auf dem Spielplatz vor dem Haus. Auch Gäste nehmen gerne ein Kalb mit auf den Spaziergang. Mühelos lernt das Kalb, am Strick zu laufen und das bleibt ihm lebenslänglich. Das Kind lernt, dass es im Fall der Uneinigkeit neben dem Rind zu stehen hat, da dieses dann durch seitlichen Zug leicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann. Bei Nichtbeachtung zieht ein 200kg schweres Rind den stärksten Mann beliebig durch die Gegend. Der zweite Schritt ist das Einreiten: Schon ein fünfjähriges Kind kann sich gut auf einem Ochsen halten, ev. mit einem Voltigiergurt. Die Fluchtdistanz des Rindes wird so bis auf Null reduziert. Läuft das Tier problemlos am Halfterstrick, bindet man auf die andere Seite des Halfters ein zweites Seil und tritt einen Schritt zurück, bis man nach und nach ganz hinter dem Rind läuft und es von dort durch die Kommandos und Zügelhilfen lenkt. Eine ständige Fühlung wird durch den leichten Trieb mit der Peitsche erhalten. Unser erstes Gespann wurde am Nasenring gefahren, mittlerweile sind wir auf „Blechlehalfter“ umgestiegen.

Wirtschaftlichkeit

0,5 ha Hackfrucht im Bergland, das sind 16 Arbeitsstunden mit dem Ochsen und ca. 20 Arbeitsstunden den Menschen. Ein geübtes Gespann wird von einer Person gefahren, bei weniger Übung werden zwei Personen benötigt. Mit dem Fendt Gerätetrecker ist das in 2,5 Stunden zu schaffen. Setzen wir die Mann+Maschinenstunde mit 20 € incl. Abschreibungen etc. an, so kommen wir auf einen Stundenansatz von 2,50 € bei Ochsenarbeit. Zu Gunsten des Ochsen spricht, dass er „ins Geld wächst“, d.h. er verliert durch Zeit und Arbeit nicht an Wert, sondern er legt bis zu ca. acht Jahren zu (→ Vorteil auch gegenüber der Pferdearbeit). Die Zwischenreihen der Hackfrucht werden nicht verdichtet, dadurch kommt es zu weniger oder keine Erosion speziell im Bergland. Die Handhacke in der Reihe ist weniger kraftaufwendig. Erschwerend kann sich auswirken, dass man sich mit dem Arbeitsablauf in den Lebensrhythmus eines Wiederkäuers einzugliedern hat. Neben den Stallkosten fallen noch die Abschreibung der Zuggeschirre und Hackgeräte an. Dazu kommt die Versicherungszahlung, wenn öffentliche Auftritte geplant sind. Das Beschlagen der Tiere ist sinnvoll, wenn weite Stecken auf befestigten Straßen zurückgelegt werden.